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Deutsche und Türken in Osnabrück

„Du trägst doch eh ein Kopftuch!“

Interview von Ulrich Voss mit Sabina Ortland

Sabina Ortland engagiert sich für den interkulturellen Dialog zwischen Deutschen und Türken in Osnabrück. Sie hat einen Sportkurs für deutsche und türkische Frauen in einer Moschee organisiert und den deutsch-türkischen Frauenverein „Magnolie“ mitgegründet. Im Interview berichtet die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin von ihrer Arbeit und äußert sich zum Thema Integration und zum Umgang mit der eigenen Kultur.

Frau Ortland, in Berlin gibt es zwei Hamams, also türkische Bäder. Haben Sie die mal besucht?

In Berlin war ich noch nicht in einem Hamam, aber 1982 in Tunesien.

Wie wäre es mit einem Hamam in Osnabrück? Oder haben wir hier zu wenig türkische Bademeister?

Ehrlich gesagt kenne ich gar keinen türkischen Bademeister. Den müssten wir wohl importieren. Aber so ein Hamam wäre ein genialer Treffpunkt für Menschen aus der Stadt und der Region. Das wäre mit Sicherheit ein Magnet!

Sie haben einen gemeinsamen Sportkurs für deutsche und türkische Frauen in einer Osnabrücker Moschee organisiert. Wie kam es dazu?

Einige Türkinnen aus meinem Bekanntenkreis, vor allem ältere Frauen, sind an mich herangetreten und meinten: „Wir würden gerne Sport treiben, aber wir sind doch schon älter und können nicht in einen Sportverein gehen. Können wir das nicht hier bei uns in der Moschee machen?“ Und da die Moscheegemeinde Diyanet einen großen Gemeindesaal besitzt, konnten wir kurze Zeit später dort mit dem Sport anfangen, mit Popmusik, Gymnastikmatten und Gymnastikkleidung. Bald haben sich auch deutsche Frauen hinzugesellt.

Aber Türkinnen sind doch schrecklich verklemmt und unsportlich. Oder?

(lacht). Nein, keineswegs! Natürlich gab es anfangs Koordinationsprobleme bei den älteren Frauen, die in ihrem Leben noch nie Sport getrieben hatten. Doch verklemmt waren sie überhaupt nicht, im Gegenteil. Einige der deutschen Teilnehmerinnen waren sehr überrascht, wie locker und geradezu lustvoll die Türkinnen mit dem Sport umgehen. Man hat viel zusammen gelacht und viel Freude dabei gehabt.

Hat sich aus dem Sportkurs noch mehr entwickelt?

Ja, wir haben hinterher noch zusammen Tee getrunken und gelegentlich auch gegrillt. Es entstand bald eine Art sozialer Treffpunkt. Und weil sich die älteren Türkinnen kaum mit den deutschen Teilnehmerinnen unterhalten konnten, kam bald die Frage auf: Wie wäre es mit einem Deutschkurs? Also haben wir einen Deutschkurs eingerichtet, der von Anfang an sehr gut besucht war.

Außerdem haben Sie einen deutsch-türkischen Frauenverein gegründet. Worin bestehen die Aktivitäten?

Wir treffen uns privat und wir organisieren öffentliche Veranstaltungen. Ein „Dauerbrenner“ ist „Under Cover - wir lüften den Schleier“. Dazu laden wir Frauen aus verschiedenen Kulturkreisen ein, die ihre Kopf- und Körperbedeckungen mitbringen und erzählen, warum sie sie tragen – aus religiösen, modischen oder hygienischen Gründen. Anschließend probieren unsere Besucher diese Bedeckungen selbst aus und es ist interessant, was dann passiert. Man fragt sich von Frau zu Frau plötzlich Dinge, die man sich sonst nicht trauen würde, wie „Gehst du überhaupt zum Friseur? Du trägst doch eh ein Kopftuch!“ Wir möchten uns mit dem Thema Kopftuch „stofflich“ befassen und zwar wirklich im Sinne von Anfassen. Das ist besser als die zigste Diskussionsveranstaltung.

Begegnen sich die Frauen im Verein eher als Deutsche und Türkinnen oder eher als Frauen unter sich?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal spielen die kulturellen Eigenheiten eine Rolle und wir teilen uns in Deutsche und Türken auf. Aber manchmal sind wir auch einfach nur Frauen und sprechen über Küche, Kinder, Männer, Mode und alles, woran Frauen sonst auch Spaß haben. Also könnte man in der Stadt schon mal auf eine Gruppe von Deutschen und Türkinnen treffen, die zusammen lachen und gackern ... Ja, das können Sie bei uns häufiger erleben. Wir frühstücken oft gemeinsam in einem Café und sind dort jedes Mal der Hingucker. Die Leute reagieren sehr positiv, wenn sie sehen, wie viel Spaß wir miteinander haben.

Sollte man das Thema „Integration“ überhaupt etwas sportlicher und weniger verbissen angehen?

In der Tat, wir nehmen die Sache sehr schwer und wenn man das Wort "Integration" in den Mund nimmt, bekommen alle gleich ein Problemgesicht. Ich möchte die bestehenden Probleme keineswegs verharmlosen, aber ich wünsche mir doch mehr Humor und Gelassenheit. Denn egal wie sehr wir uns anstrengen, manche Prozesse brauchen einfach ihre Zeit.

Türkischstämmige Frauenrechtlerinnen wie Seyran Ateş halten allerdings nicht viel von Gelassenheit, wenn es um islamische Traditionen geht, die mit rechtsstaatlichen Prinzipien kollidieren. Wo sehen Sie die Grenzen des Dialogs?

Mir geht es bei meinen Veranstaltungen darum, Verständigung herzustellen. Verständigung eröffnet uns die Chance, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, bedeutet aber auch sagen zu können: „Gut, ich habe mir deine Position jetzt angehört, aber ich finde sie trotzdem für mich nicht richtig.“ Wir sollten uns selbst treu bleiben und uns fragen: Was ist unsere eigene Identität, was sind unsere Werte? Es ist völlig in Ordnung, Grenzen für die eigene Kultur zu ziehen. Wir müssen nicht immer krampfhaft danach suchen, was uns verbindet, sondern auch klar erkennen, was uns trennt. Und ich höre gerade von türkischstämmigen Mitbürgern häufig: „Wir verstehen gar nicht, warum ihr immer so schnell zurückschreckt und euch selbst klein macht!“

Was kann ich als Osnabrücker Bürger tun, um meine türkischen Nachbarn besser kennen zu lernen?

Da möchte ich noch einmal auf den Sport verweisen. Es gibt mittlerweile Fußballvereine, die gemischt trainieren. Es gibt Stadtteiltreffs und Veranstaltungen wie den Tag der offenen Moscheen am 3. Oktober. Und vor allem – einfach zugehen auf die Leute! Sie werden angenehm überrascht sein, wie herzlich willkommen Sie sind.

Und was müssten türkische Bürger anders machen, um mit den Deutschen besser auszukommen?

Vor allem mehr am öffentlichen Leben teilnehmen. Und am politischen Leben! Zur letzten Kommunalwahl habe ich türkischstämmige Familien besucht und händeringend versucht Kandidaten zu finden, unabhängig von der Partei. Ich habe gesagt: „Probiert es, lasst euch für den Stadtrat aufstellen!“ Jede, wirklich jede der im Stadtrat vertretenen Parteien hätte Bewerbern mit Migrationshintergrund gerne eine Chance gegeben.

Und in einigen Fällen wird das Tragen eines Kopftuchs zum Problem. Wenn mir z. B. als Kosmetikschülerin vor dem Ausbildungsbeginn klar gesagt wird: „Sie sind eine nette junge Frau, aber Sie werden es schwer haben, in dieser Branche mit Kopftuch eine Praktikumsstelle zu finden“ – und wenn ich dann trotzdem diesen Weg einschlage, dann frage ich mich: Was ist die Intention? Will ich mich als Opfer fühlen nach dem Motto: „Ihr Deutschen wollt uns ja hier sowieso nicht in eurer Gesellschaft“? Da wünsche ich mir manchmal mehr gesunden Menschenverstand.

Welche Aktivitäten haben Sie als nächstes geplant?

Zurzeit richten wir im Verein eine Kunstgruppe ein. Und im Oktober stelle ich mein neues Buch „Toprak – Erde“ vor, deutsch-türkische Lach- und Sachgeschichten über eine Deutsche, die in die Türkei auswandert.